4 Monate Fiasp® – Meine Erfahrungen

Es war Mitte Dezember letzten Jahres, da fragte ich meine Diabetesberaterin nach ihrer Meinung zu dem neuen Insulin Fiasp® von Novo Nordisk. Das Marketing von Fiasp® verspricht, dass es schneller ins Blut geht als die bisherigen Sprint-Insuline und die Blutzuckereinstellung dadurch verbessert. Die Antwort meiner Diabetesberaterin war genau das, was man auch in Foren nachlesen kann: bei den einen wirkt es besser, bei anderen schlechter, bei wieder anderen gleich. Das Beste wäre, ich würde es einfach ausprobieren. Gesagt, getan. Ich habe mir Fiasp® verschreiben lassen und irgendwann zwischen den Jahren meine Insulinpumpe das erste Mal damit befüllt.

Die ersten zwei Wochen

Gleich mal eines vorweg: Wer umstellt, muss viel Geduld haben. Direkt nach der Umstellung gingen meine Zuckerwerte erst einmal gut in die Höhe. Ich war ständig damit beschäftigt Korrektur-Boli zu spritzen. Der Blutzucker ging nicht runter und blieb auf hohem Niveau konstant – allerdings auch nach dem Essen.

Ich war geduldig, denn der Körper bekommt ein neues Mittel und muss sich darauf einstellen. Das ist normal und bei vielen Medikamenten so. Also lebte ich mit meinen hohen Werten, spritzte Korrektur-Boli und nahm es einfach so hin, wie es ist.

Nach etwa 10 Tagen begann der Körper dann auch tatsächlich zu reagieren und mein Blutzucker kam wieder auf ein normales Niveau zurück. Ich konnte mich wieder auf meine Essens-Boli konzentrieren und stellte hier die höhere Geschwindigkeit von Fiasp® fest: einen Spritz-Ess-Abstand durfte ich nicht mehr machen, sondern musste den Essensbolus direkt vor der Mahlzeit abgeben. Andernfalls kam ich in eine Hypoglykämie (Unterzuckerung). Bei niederen Blutzuckerwerten oder sehr fett- und eiweißhaltigen Mahlzeiten war es sogar besser, den Bolus erst nach dem Essen abzugeben.

Meine Blutzuckerwerte hatten sich wieder stabilisiert, die erhoffte, flachere Kurve nach den Mahlzeiten blieben aber aus. Postprandial waren meine Werte genauso wie mit meinem Sprint-Insulin, das ich vorher hatte. Mit denselben Spitzen.

Nach zwei Monaten

Ich weiß nicht mehr genau, wann es begonnen hat. Aber im Laufe der nächsten 6 Wochen trat eine weitere Verbesserung ein: der Anstieg nach den Mahlzeiten wurde tatsächlich flacher, die Scheitelspitze des Blutzuckersanstiegs war weiter unten. Ich glaube, erstmalig in meinem Leben, hatte ich postprandial keine Werte mehr über 200 mg/dl (11,1 mmol/l). Die Scheitelspitze war zwischen 170 mg/dl (9,44 mmol/l) und 180 mg/dl (9,99 mmol/l). Damit war die Wirkung von Fiasp® tatsächlich dort angekommen, was vom Marketing versprochen wurde. Und ich war froh, nicht wieder zu meinem früheren Insulin zurückgekehrt zu sein.

Heute, nach vier Monaten

Die Verbesserung ging weiter. Die bessere Wirkung hat sich auch in meiner Basalrate niedergeschlagen. Ich musste sie im Laufe des dritten Monats um 10% reduzieren. Ebenfalls ein erstes Mal in meinem Leben. Bis dato musste ich immer meine Basalrate nach oben anpassen. Und meine Blutzuckerwerte sind so gut, wie schon seit Jahren nicht mehr. Demnächst wird der erste HbA1c genommen, bei der meine Therapie vollständig unter Fiasp® lief. Ich bin gespannt.

Was sonst noch?

Natürlich gibt es auch Negatives über Fiasp® zu berichten. Eine bessere Wirkung von Korrektur-Boli gibt es nicht, im Gegenteil. Bei sehr hohen Werten hat man das Gefühl, nur noch Wasser zu spritzen. Hier bleibt auch nur: Geduld, Geduld, Geduld. Es kann mitunter einen Tag dauern, bis man sich wieder in die Normalwerte korrigiert hat, über mehrere Boli. Daran muss man sich auch erst einmal gewöhnen.

Und das Brennen bei der Insulinabgabe möchte ich auch nicht unterschlagen. Eine hohe Insulindosis hat schon immer bei der Injektion ein Brennen verursacht. Bei Fiasp® spüre ich auch bei einer kleinen Dosis ein Brennen, bei einer höheren Dosis ist es umso stärker. Aber es ist meinem Empfinden nach nicht schlimm und gut auszuhalten. Als Besitzer einer Insulinpumpe empfinde ich das sogar als einen Vorteil: Bei der Bolusabgabe spüre ich sofort, ob meine Kanüle noch richtig sitzt.

Fazit

Bis Fiasp® seine volle Wirkung entfaltet, vergehen durchaus mehrere Monate. Wer umstellt, sollte nicht erwarten, schnelle Resultate zu haben. In meinem Fall war es erst einmal schlechter. Aber die Geduld zahlt sich aus. Ich werde Fiasp® weiter verwenden und bin voll und ganz zufrieden. Meine postprandialen Werte haben sich verbessert, meine Blutzuckerkurve wurde flacher und meine Basalrate hat sich reduziert. Die Umstellung hat sich gelohnt und ich möchte Fiasp® auch nicht mehr hergeben.

Für Euch ist es nur eine Pizza…

…für mich beginnt hier eine Wissenschaft. Die Wissenschaft des Diabetes. Diabetes ist nämlich nicht einfach nur eine Krankheit. Es ist ein Full-Time-Job.

Ich möchte Euch am einfachen Vorgang des Essens zeigen, was im Kopf eines Diabetikers alles vor sich geht. Und auf was er zu achten hat. Entscheidungen, die in wenigen Sekunden getroffen werden und lebenswichtig sind. Dinge, um die sich der Nicht-Diabetiker noch nie Gedanken gemacht hat.

Die Grundlagen

Bevor ich Euch aber an die Pizza heran führe, möchte ich kurz ein paar Grundlagen erklären. Es handelt sich bei mir um den Diabetes Typ 1. Beim Typ 1 hat der Körper irgendwann einmal begonnen, sich selbst zu zerstören. Genauer gesagt, er bildet Antikörper gegen seine körpereigenen Betazellen in der Bauchspeicheldrüse. In diesen Betazellen wird das Hormon Insulin produziert. Ohne Betazellen, keine Insulinproduktion.

Das Insulin benötigt der Körper, damit Glucose aus der Blutbahn ins Gehirn und in die Muskeln transportiert werden kann. Glucose, also Zucker, ist die Energie für das Gehirn und die Muskeln. Ohne Insulin wird der Körper nicht mehr mit Energie, also der Glucose, versorgt. Deshalb muss sich ein Typ 1-Diabetiker Insulin durch Spritzen von außen zuführen.

Die Glucose gewinnt der Körper aus der Nahrung, aber nicht nur aus zuckerhaltigen Lebensmitteln. Hauptsächlich gewinnt der Körper die Glucose aus den Kohlenhydraten, also alle zucker- und stärkehaltigen Lebensmittel. Aus den Kohlenhydraten berechnen sich die sogenannten Broteinheiten, von denen habt Ihr sicher schon einmal etwas gehört. Über die Broteinheiten ergeben sich für den Diabetiker die nötige Menge Insulin, die er sich für diese Nahrung zuführen muss. Der Diabetiker erfüllt somit die Funktion, die normalerweise seine Bauchspeicheldrüse übernehmen sollte.

Und jetzt zur Pizza

Während der ein oder andere von Euch sich da Gedanken macht, wieviel Kalorien das wohl sind, muss ich mir in erster Linie über eines klar werden: wieviel Broteinheiten sind das? Bei einer Tiefkühlpizza kann ich in der Nährwerttabelle nachschauen und einfach umrechnen. Zwölf Gramm Kohlenhydrate sind eine Broteinheit. Im Restaurant kann ich das allerdings nicht. Hier bleibt mir nichts anderes übrig, als zu schätzen. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Im Laufe der Zeit bekommt man ein Gespür und wenn man öfter im gleichen Restaurant zum Essen geht, hat man seine Erfahrungswert.

Ein Stück der oben gezeigten Pizza hat ca. vier Broteinheiten (BE). Jetzt geht es um die Menge an Insulin, die man dafür benötigt. Das ist nicht nur von Mensch zu Mensch verschieden, sondern ändert sich im Laufe des Tages. Daher muss jeder Diabetiker seinen sogenannten BE-Faktor kennen, das ist die Menge Insulin, die für eine Broteinheit benötigt wird. Mittags liegt mein BE-Faktor derzeit bei zwei, für ein Stück dieser Pizza muss ich also acht Insulineinheiten (IE) spritzen (BE-Faktor 2 x 4 BE = 8 IE).

Das war doch jetzt einfach

Ja, das war es. Aber wird von einem Stück Pizza schon satt? Zwei Stücke? Klar, nur her damit. Auch drei gehen noch, aber ein viertes? Eines ist klar: habe ich mir für vier Stücke Pizza Insulin gespritzt, dann muss ich diese vier Stücke auch essen. Andernfalls sinkt der Glucosegehalt in der Blutbahn zu sehr und es kommt zur Hypoglykämie, dem sogenannten Unterzucker. Ich muss mir also bereits vorher Gedanken machen, wieviel ich esse. Und zwar noch bevor die Pizza auf dem Tisch steht.

Blutzuckeranstieg nach nicht eingehaltenem Spritz-Ess-Abstand

Es ist nämlich so, dass das von außen zugeführte Insulin erst einmal seinen Weg in die Blutbahn finden muss und eine spezielle Wirkkurve hat. Das bedeutet, dass der Eintritt der Wirkung erst um einige Minuten verzögert auftritt, als beim ursprünglichen körpereigenen Insulin, das von der Bauchspeicheldrüse ja direkt in die Blutbahn abgegeben wird. Deshalb soll sich ein Diabetiker das Insulin zur Mahlzeit vorher injizieren, je nach verwendetem Insulin zwischen 5 und 15 Minuten. Das nennt man den Spritz-Ess-Abstand (SEA). Ohne Spritz-Ess-Abstand gibt es einen hohen Blutzuckeranstieg, bevor das Insulin zu wirken beginnt. Das sieht nicht nur unschön in der Kurve aus, das ist auch ungesund. Ungesünder als die Pizza.

Wie sieht der weitere Tag aus?

Nein, noch sind wir nicht am Ende. Denn die Pizza hat eine unschöne Eigenschaft: sie ist fettig. Fettige Speisen sorgen dafür, dass der Körper aus der Nahrung die Glucose nur langsam und verzögert aufnehmen kann. Das birgt nun die Gefahr, dass man anfangs sogar in den Unterzucker fallen kann und Stunden später einen deutlichen Blutzuckeranstieg hat. Der Unterzucker zu Anfang ist selten und wer dazu neigt, verringert seinen Spritz-Ess-Abstand. Problematischer ist der spätere Anstieg. Der erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem das zum Essen injizierte Insulin kaum noch oder gar nicht mehr wirkt. Infolge dessen wundert man sich bei der nächsten Messung über einen zu hohen Wert. Man kann dem damit begegnen, dass man seine Insulindosis aufteilt. Die Hälfte sofort, die andere Hälfte erst nach zwei Stunden. Aber wehe dem, der die zweite Injektion vergisst. Ich als glücklicher Inhaber einer Insulinpumpe habe es da einfacher. Ich lasse 40% sofort injizieren, die restlichen 60% gibt meine Pumpe automatisch über einen Zeitraum von zwei bis drei Stunden ab. Damit komme ich gut hin.

Soweit, so gut. Das gilt jetzt alles nur, wenn ich in den nächsten drei bis sechs Stunden keinen Sport oder andere körperlich anstrengende Aktivitäten haben. Denn für Sport braucht es Energie und die Muskeln beziehen diese Energie dort, wo es für sie am leichtesten verfügbar ist: in ihren eigenen Speichern. Die Speicher beginnen allerdings unmittelbar damit, sich wieder mit Energie zu versorgen. Nämlich mit der Glucose aus der Blutbahn. Dabei wird nicht nur der Insulintransport beschleunigt, auch wird in diesem Fall Glucose ohne die Hilfe des Insulins aufgenommen. Der Insulinbedarf ist also bei körperlicher Aktivität geringer.

Möchte ich nun in den nächsten drei bis sechs Stunden nach der Pizza Sport machen, dann muss ich das sofort berücksichtigen und von vorneherein die Insulindosis verringern. Je nach Intensität um bis zu 50 Prozent. Ansonsten würde ich während des Sports, bestenfalls erst danach, unweigerlich in den Unterzucker fallen. Oder ich muss mir vorher bereits noch einmal Kohlenhydrate zuführen. Beides keine sonderlich guten Aussichten.

Noch etwas?

Ja. Auch Fette und Eiweiße in Lebensmitteln können den Blutzucker ansteigen lassen. Auch hier bei der Pizza. Das wird dann in sogenannte Fett-Protein-Einheiten (FPE) umgerechnet. Aber davon möchte ich Euch ein anderes Mal erzählen.

Ihr seht, was für Euch nur eine Pizza ist, ist für mich eine Herausforderung. Auch wenn mir bei der Berechnung der Insulindosis die Technik eines sogenannten Bolusrechners helfen kann, die Broteinheiten muss ich immer noch selbst erkennen. Auch die Entscheidung, ob ich die Dosis sofort oder verzögert abgeben muss oder ob ich sie wegen späteren Aktivitäten verringern muss, muss ich sofort treffen. Das alles passiert in den ersten Sekunden, indem ihr den Anblick der Pizza vor dem ersten Anschneiden genießt.