Zugtaufe Anne Frank – Würdigung oder Demütigung?

Vor kurzem gab die Deutsche Bahn die 25 Namen herausragender Deutscher bekannt, nach denen 2018 und 2019 ICE4-Triebzüge benannt werden sollen. Als ich unter der Liste die Namen Anne Frank und Geschwister Scholl las, habe ich mich sehr gefreut.

Aber es gibt auch Menschen, die waren entsetzt: eine deportierte und ermordete Jüdin auf einem Zug, wo doch ausgerechnet die Eisenbahn bei der Deportation groß geholfen hat. Ist das pietätlos und demütigend?

Ich bin der Meinung: Nein. Gerade, weil die Eisenbahn bei der Deportation der Juden in die Vernichtungslager beteiligt war, ist eine Zugtaufe eine Würdigung. Anne Frank, die wohl weltweit bekannteste, ermordete Jüdin, steht hierbei für die Millionen ermordeten Menschen im Dritten Reich. Zusammen mit den Geschwistern Scholl tragen die ICEs eine Botschaft der Mahnung durch ganz Deutschland.

Aber es gibt auch Gefahren, denen die Deutsche Bahn aufmerksam entgegenwirken muss. Es muss sichergestellt sein, dass der ICE Anne Frank niemals mit dem ICE Martin Luther zusammen gekuppelt wird – immerhin war Luther Antisemit. Beide Züge in einem Zugverband wäre tatsächlich eine Demütigung. Daher sollten sollte die Deutsche Bahn gewährleisten, dass hier nur die zwölfteiligen ICEs auf Anne Frank, Martin Luther und Geschwister Scholl getauft werden – auch bei Umtaufen.

Ein feiner Zug der Deutschen Bahn wäre es, im Zug Anne Frank auf die Werbefläche zu verzichten und im Zug stattdessen Infotafeln aufzustellen: über Anne Frank und über die Rolle der Deutschen Reichsbahn bei der Deportation. Im Zug der Geschwister Scholl könnte man über die Weiße Rose und andere Widerstandsgruppen informieren. Damit würde die Deutsche Bahn nicht nur für Bildung unterwegs sorgen, sondern auch die Opfer des Nationalsozialismus nachhaltig würdigen.

Ein Gedanke zu „Zugtaufe Anne Frank – Würdigung oder Demütigung?

  1. Grundsätzlich finde ich es sinnvoll, vor solchen Entscheidungen die Hinterbliebenen bzw. die Organisationen dazu stehen, die den (geistigen) Nachlass verwalten, zu befragen, bevor ich so eine Entscheidung treffe oder zur breiten Diskussion stelle. Das wurde wohl versäumt, wenn ich die Reaktion des Anne-Frank-Hauses richtig verstehe. So wird daraus ein Ärgernis, das durchs digitale Dorf getrieben wird. Es gibt aufgrund der Geschichte des Rechtsvorgängers der DB sehr gute Gründe, dagegen zu sein.
    Und solange man solche fundamentale Dinge vernachlässigt, sollte man so etwas besser unterlassen. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht. Aber das scheint so ein deutsches Problem zu sein, wie auch die Debatte über die Stolpersteine gezeigt hat.

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